Rezension auf Musicalzentrale.de:

Ein Broadway-Flop, ein Mordfall und viel Swing: Das Musical-Kleinod „Curtains“ mit der unverkennbaren musikalischen Handschrift von Kander & Ebb wird mit starken Hauptdarstellerinnen und spritzigen Choreografien vom Darmstädter Stage Miracle e.V. in besonderer Atmosphäre aufgeführt.

Voll von Comedy und skurrilen, durchweg verdächtigen Charakteren entspinnt sich die Handlung um den Mord an einer Musicaldiva, die während der Premiere eines absoluten Show-Reinfalls ein medienwirksames Ableben feiert. Das gesamte Ensemble sowie die Theaterschaffenden stehen unter Generalverdacht durch den theateraffinen Lieutenant Cioffi, der es sich neben der Aufklärung des Verbrechens auch zur Aufgabe macht, den Musical-Flop des Ensembles in einen Broadway-Hit zu verwandeln. So wechselt die Handlung zwischen der akribischen, hochkomischen Optimierung von Szenen und Songs der Wildwest-Persiflage „Robbin‘ Hood“ und wirren Ermittlungen gegen zahlreiche exzentrische Persönlichkeiten: allen voran Produzentin Carmen Bernstein und ihre Schauspielertochter „Bambi“, das innig befreundete Komponisten-Songtexter-Duo Alice und Georgia (in der Originalinszenierung ein geschiedenes Ehepaar, das für diese Produktion wieder zusammenkommt), die theatralische Regisseurin Chris, das aufstrebende Sternchen Nicki, die Mäzenin Bonny, der Star der Show Bobby sowie Jackie, die Stage-Managerin. Gepiesackt wird die Truppe zwischen Mordermittlungen, Showbetrieb und Liebeleien vom garstigen Zeitungsrezensenten Grady und dem Produzenten Sidney, der eine mehr als unglückliche Ehe mit Carmen führt. Als es nicht nur bei einem Mordfall bleibt und sich die Charaktere auf unterschiedliche Weise miteinander verbandeln, ist das Chaos perfekt.

Für Broadway-Verhältnisse war „Curtains“ mit 511 Vorstellungen solide, wenn auch einer der geringeren Erfolge von Kander und Ebb. International gilt das Stück als Musical-Kleinod. Das textintensive, von expressiven Figuren geprägte, zuweilen auch seine Längen aufweisende und stellenweise etwas zu ausschweifende Buch birgt für ein Laienensemble sowohl Chancen als auch Stolpersteine.

Vera Klütz, Tessa Heuer und Mareike Hellmuth gelingt es als Regie-Trio, den Überblick zu behalten, die Figuren aus dem Buch beispielsweise mittels anderer Geschlechtszuschreibung den Vereinsgegebenheiten stimmig anzupassen und allen Bühnenakteur*innen nicht nur komödiantische, sondern auch performative Glanzmomente zu verschaffen. Amalia Alonso beweist ein geschicktes Händchen für ein stimmiges Kostümdesign und kreiert mit einfachen Mitteln ein kleines, multifunktionales Bühnenbild, das der Produktion Kammerspielcharakter verleiht. Die Festhalle des Gasthauses „Zum Gold’nen Löwen“ in Darmstadt-Arheilgen ist zwar in Bühnenfläche und -technik durchaus begrenzt, doch das Licht- und Soundteam holt das Beste aus den lokalen Gegebenheiten heraus und rahmt das Comedy-Krimi-Spektakel visuell wie auditiv solide ein. Die Musik, die nicht immer einfach zu timen ist, wird punktgenau eingespielt, kommt aktuell aber noch aus der Konserve. Dem Spaß auf der Bühne tut das jedoch keinen Abbruch. Die mehrstimmigen Chorpartien und großen Ensemblenummern werden durch die musikalische Leitung von Kristina Lutz und Carolin Schüle zu einem Ohrenschmaus.

Wenngleich sich das Stück buchbedingt im zweiten Akt etwas verrennt, begeistern die Darsteller*innen durchweg mit großer Energie, Spielfreude, komödiantischem Feingefühl sowie bemerkenswertem Rollenfokus. Jakob Trautmann gibt einen wechselnd träumerischen wie analytischen Inspektor Cioffi, dessen Herz für das Musicaltheater und die talentierte Schauspielerin Nicki schlägt, die von Kristina Lutz in schöner Symbiose zu Trautmann verkörpert wird. Das ungleiche Duo Georgia und Alice wird von Vera Klütz und Carolin Schüle interpretiert, die wunderbar harmonieren, aber auch ihre solistischen Charakter- und Gesangsmomente stimmungsvoll umsetzen; während Klütz mit moderner Gesangsstimme punktet, berührt Schüle mit ihrem klassischen Sopran.

Auch Amalia Alonso sticht positiv aus dem Ensemble hervor: Ihre divenhafte Attitüde als Kunstmäzenin Bonny macht großen Spaß. Johann Kabelac gestaltet seine Figur Bobby als perfekten Mix aus Fred Astaire, Tony aus „West Side Story“ und Link Larkin aus „Hairspray“: extrovertiert und expressiv in Schauspiel und Gesang, erweist er sich zudem als begnadeter Tänzer.

Eine tänzerische Meisterleistung auf absolutem Profi-Niveau legt auch Tabea Paulus als stets untergebutterte, doch heimlich hochtalentierte Bambi aufs Parkett – doch auch darstellerisch überzeugt sie in ihrer überdrehten, trotzig-verführerischen und zuweilen sichtbar verletzlichen Rolle auf ganzer Linie. Schauspielerisch spielen zudem Tessa Heuer als Produzentin Carmen und Mareike Hellmuth als Regisseurin Chris weit jenseits der Amateurliga: Beide begeistern mit messerscharfem Duktus, treffsicheren Pointen, nuancierter Mimik und einer Körpersprache, die ihre Figuren glaubwürdig formt. Großartige Darbietungen, die die Grenzen zwischen Laien- und Profitheater verschwimmen lassen.

Letzteres gilt auch für Paulus’ grandiose Choreografien, die ein Highlight nach dem nächsten liefern: Klassische Showtänze wechseln sich ab mit Paarchoreografien und Prop-Tänzen (unter anderem mit Taschenlampen und Besen), die vom Ensemble einwandfrei umgesetzt werden. Großes Kino auf kleiner Bühne!

Der noch junge und recht überschaubare Verein Stage Miracle e.V. hat hier durch kluge Stückauswahl, Talent und Spielfreude einen sehenswerten Musicalabend auf die Bühne gezaubert, der Lust auf mehr macht!

"Stage Miracle e.V. überzeugt in „Curtains“ mit viel Spielfreude, präzisem Timing und hoher performativer Qualität. Ein rundum unterhaltsamer Musicalabend, der vor allem choreographisch und in bemerkenswerten Schauspielleistungen die Grenzen zwischen Laien- und Profitheater deutlich verschwimmen lässt.

André Böke - Rezensent für Musicalzentrale

Erstelle deine eigene Website mit Webador